Urban Gardening im deutschen Kollektivgedächtnis

Reichtstag
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Urban Gardening 1945 und 2015
Die Wiederkehr des Verdrängten
Kommentar mit 4 Abbildungen

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Urban Gardening für mehr Volksgemeinschaftsgeist

Dem „Beete-Rebell“, der an Eimsbütteler Gehwegen Blumebeete anlegt (siehe drei Bilder weiter unten), geht es um mehr Sicherheit und Sauberkeit. Dafür pflanzt er Stiefmütterchen und Heiderosen und zwingt anderen so seine Vorstellung von Ordnung auf. Unterstützt von Linkspartei, CDU und BILD kann er sich gegen kommunale Behörden durchsetzen, die – oft mit sinkenden Etats – für die Gestaltung der Park- und Gartenanlagen, Stadtplätze und Grünzüge zuständig sind und dabei die Ästhetik des Stadtbildes mit den Möglichkeiten vielfältiger öffentlicher Nutzung (Flanieren, Joggen etc.) vermitteln müssen.

Schlimmer
noch als der übergriffige Annexionismus dieser privaten Blumen-Gärtner ist der Urban Gardening-Trend. Während der ideologische Horizont der Beete-Rebellen nicht sonderlich utopistisch ist, da er sich überwiegend im Rahmen von Recht & Ordnung bewegt, bietet das Urban Gardening den symbolischen Mehrwert einer kompletten Weltanschauung, die derzeit unter dem Schlagwort der „Essbaren Stadt“ verhandelt wird.

Als europäisches Mekka der „Essbaren Stadt“ gilt der englische Ort Todmorden. Statt Stiefmütterchen wachsen hier Kräuter und Gemüse in den Blumenkästen, in den Parks stehen Obstbäume neben den Gemüsebeeten und Kinder lernen in der Schule, ihr eigenes Essen anzubauen.

Die Lobreden auf die „Essbare Stadt“ kommen meist schon nach wenigen Sätzen auf den Punkt: Gemeinsamer Gemüseanbau auf (von den Behörden zur Verfügung gestellten) öffentlichen Flächen …

• stärkt den Gemeinschaftsgeist.
• drängt Kriminalität und soziale Probleme zurück.
• ist eine kollektive (kommunale) vorbeugende Maßnahme für eine mögliche globale Krise
(wahlweise Klimawandel, Ölkrise, Wirtschaftskrise).
• bedeutet regionale Kreislaufwirtschaft und Selbstversorgung und sorgt für Unabhängigkeit von in- und ausländischen Konzernen.
• ist Einübung einer neuen Überlebenskultur und macht uns wieder vertraut mit echt deutschen heimischen Nutzpflanzen.
• hilft gegen unsere schleichende Vergiftung und sichert so das langfristige Überleben der Deutschen (so heißt es im rechten Milieu)
• ist ein Beitrag zur Rettung von Gottes Schöpfung (so spricht man im evangelikalen Milieu)
• fördert die Integration von Einwanderern aus agrarisch geprägten Gesellschaften (zur Illustration gibt es ein Bild von Kopftuchfrauen)

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Urban Gardening ist also anschlussfähig für:

• die verzweigte Verschwörungsideologie-Szene.
• lebensphilosophische und andere Naturverklärer.
• linksalternative Sprücheklopfer und Weltretter. („Eine andere Welt ist pflanzbar“, „den Boden denen, die ihn bebauen“).
• archaische Familienclans (die sich größere Parzellen privat sichern).
• neoliberale Staatsgegner und Privatisierer (weniger Staat ist mehr Freiheit)

Es ist klar, dass „städtische Landwirtschaft“, zumal in der Variante eines stümperhaften Urban Gardening, für die Versorgung der Städte nie relevant sein wird und dass das in der Stadt angebaute Grünzeug voller Zink, Blei, Kupfer, Nickel, Cadmium etc. ist, also höchst ungesund.

Die Bedeutung dieses stadtbäuerlichen Trends liegt also allein im Symbolischen. Mit Glück verläuft sich diese Bewegung wieder, bevor aus ihrer Mitte ein neuer Fidus auftaucht, der der „vergifteten“ Stadt die Blut-und-Boden-Ideologie der brauen Biobauern entgegensetzt.

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Einige Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Fidus
http://www.krisenfest.org
http://cms.bistum-trier.de
http://www.heise.de/tp/artikel/35/35114/1.html
http://www.vgoed.de/download_forum/forum_2013_2_spfo132a.pdf
http://www.verantwortung-erde.org/villach-die-essbare-stadt/
http://www.spiegel.de/wirtschaft/braune-biobauern-verunsichern-die-oeko-szene-a-855140.html

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Ein Blog der IGDRA